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Ausstellung im Haus der Berliner Festspiele 7 - 17. September 2016

Ausstellung im Haus der Berliner Festspiele 7 - 17. September 2016

Olaf Kühl

Rede zur Eröffnung des Projekts Walizka – Der Koffer

am 7.9.2016 um 20.00 Uhr im Haus der Festspiele, Berlin

 

Meine Damen und Herren,

liebe Freunde,

 

ich freue mich sehr, dass dieses Projekt von Mark Giannori und Ali Ghandtschi, das ich seit geraumer Zeit quasi vom Rande her verfolge, heute nun seine Erfüllung findet und auch für die Öffentlichkeit sichtbar wird. Sichtbar und lesbar.

Was Giannori und Ghandtschi hier vollbracht haben, ist im Grunde Konzeptkunst der feinsten Art: eine einfache, aber zündende Idee, die als Katalysator für eine Kaskade von Assoziationen dient, die immer weitere Kreise um den gedanklichen Kern ziehen. Konzeptkunst heißt auch, dass die Ausführung selbst nicht durch den Künstler erfolgen muss. Nein, diese Aufgabe haben Giannori und Ghandtschi einem Kreis von polnischen Autoren und Künstlern zugedacht.

Und deren Auswahl ist das zweite, was mir – neben der Grundidee – ausgesprochen gut gefällt. Wir haben hier kein name dropping von in Deutschland ohnehin bekannten und ständig neu eingeladenen Namen, sondern eine ganz erlesene Mischung von älteren und jüngeren Semestern, von bekannten und auch ganz neuen Gesichtern.

Wenn Polen sich über einen Koffer voller deutscher Familienfotos beugen und davon zu eigenen Geschichten inspirieren lassen sollen, dann rührt das auch heute – 71 Jahre nach Kriegsende – noch an alte, längst vernarbt geglaubte, vernarbt gewünschte Wunden. Es sollen ja GESCHICHTEN erzählt werden, also spielt die GESCHICHTE zwangsläufig eine Rolle. Und Krieg und Holocaust haben nun mal tief in die Familiengeschichte der meisten Polen hineingeschnitten. Bei einem wie Michał Głowinski, der als Kind mit Not überlebt und darüber autobiografische Erinnerungen verfasst hat, ruft schon der Anblick von Deutschen der älteren Generation Misstrauen hervor.

Głowinski gehört zu jenen in der Gruppe, die dem Fotomaterial gegenüber distanziert blieben, es quasi wie gerichtliches Beweismaterial sichteten. Diese Distanz verhindert, dass er sich davon zu eigenen Geschichten hinreißen ließ. Agata Tuszyńska, deren Familie ebenfalls vom Holocaust geprägt ist, befreit sich vom Material zu Reminiszenen an ihre Mutter und die eigene Kindheit. Am anderen Ende der Skala stehen jene, die sich von den Fotos zu ganz eigenen, oft sehr witzigen Geschichten anregen ließen. Manche usurpieren die fremden Fotos sozusagen als Dokumente eigener Erinnerung, ja sogar als Porträts ihrer selbst, ganz in der Tradition von Künstlern wie Christian Boltanski.

Das Frappierende an diesem Projekt für mich war, wie weich und formbar das Bildmaterial ist, dem man doch gerade dokumentarische Härte und Beweiskraft zuschreibt.

Dabei hätte man es wissen können. Wie oft mussten in den letzten Jahrzehnten Fotos als vermeintliche Beweise herhalten: 2003 präsentierte der damalige US-Außenminister Collin der UN-Versammlung Satellitenfotos von angeblichen irakischen mobilen Biowaffen-Labors – sogar die CIA wusste damals schon, dass ihre Quellen nicht verlässlich waren. Oder man denke an die sog. Wehrmachtsausstellung Ende der 90er Jahre, wo einige Fotos, die Verbrechen der Wehrmacht zeigen sollten, in Wirklichkeit das Wirken des sowjetischen NKWD abbildeten. Übrigens hat das damals ein polnischer Historiker – Bogdan Musial – ans Licht gebracht.

Es stellt sich heraus, dass Fotos geradezu hurenhaft gefügig sind und alles mit sich machen lassen. Ein Strandkorb – dieses Fotomotiv war bei den Autoren besonders beliebt – bleibt eben ein Strandkorb und sagt noch gar nichts aus ohne die Geschichte, die über ihn und um ihn herum erzählt wird.

Die Geschichte dazu gibt erst die Deutung. Und die Deutungshoheit ist jüngst wieder ein sehr wichtiges Ziel in den sog. hybriden Kriegen geworden, ideologischen Kämpfen, die man nach dem Ende der Geschichte gar nicht mehr für möglich gehalten hätte.

Zwar wird die moderne Massenkultur von Bildern dominiert. Ein Meilenstein dafür war der Schritt von Microsofts DOS zu Windows. Bilder wirken viel direkter auf das Gehirn, lösen schnellere und stärkere Emotionen aus – aber sie bleiben unreflektiert. Unterhalb der Bedienungsoberfläche, auf den tieferen Ebenen des Rechners, ist es trotz aller bunter Bildchen noch immer die Sprache, die den Machterhalt und die Kontrolle sichert.

Im Grunde ist das, was Giannori und Ghandtschi mit ihren ausführenden Künstlern – der polnischen Autoren – angestellt haben, ein einziger großer Rorschach-Test. Beim Rorschach-Test müssen Tintenklecksbilder gedeutet werden. Die Frage der Ärzte lautet: „Was könnte das sein?“ Von der jeweiligen Deutung ziehen sie Schlüsse auf die psychische Befindlichkeit ihrer Patienten.

Die Semantik der Kofferfotos ist ähnlich geräumig und mehrdeutig wie Tintenklecksbilder.

Denn in ihrer Typizität sind die Familienfotos einander alle ähnlich. Sie bilden meist die Idylle ab, jedenfalls den Alltag. Nicht die Katastrophen, den Familienstreit, das Auseinanderbrechen, den Selbstmord. Einer der Autoren, Marek Bieńczyk, fühlte sich dadurch an die Anfangssätze von Tolstois Anna Karenina erinnert: „Alle glücklichen Familien sind sich ähnlich, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich“. (Все счастливые семьи похожи друга на друга; каждая несчастливая семья – несчастлива по-своему.»). Diese Ähnlichkeit nun ermöglicht die Vielzahl von Deutungen, die sich hier in ihren besten Verkörperungen souverän vom Fotomaterial lösen und es kreativ und oft witzig transformieren. So sehr transformieren, dass man in einem der – wie ich finde - interessantesten Beispiele, dem von Stanisław Strasburger, nicht sicher sein kann, ob das Material dokumentarisch oder nicht doch auf geniale Weise fingiert ist.

Bei dem "obsessiv brütenden Gedächtnis der Polen", wie Hans-Magnus Enzensberger das nannte, kommt natürlich auch die Martyrologie zu ihrem Recht. Seit dem letztem Jahr kann man in Polen beobachtet, wie um die Deutungshoheit für die eigene Geschichte erbittert, ja fanatisch gekämpft wird. Das Foto der brennenden Regierungsmaschine am Flughafen von Smolensk, scheinbar rein faktographisch, steht jeglichen Deutungen offen. Aufgeladen mit der Erinnerung an ältere Katastrophen, andere Leidensgeschichten, wie dem sowjetischen Mord an Zehntausenden polnischer Offiziere in Katyn, wird es zum Symbol für das ewige Martyrium.

Gedanken, alle aus der einen zündenden Idee der beiden Projektmacher geboren. Gedanken gäbe es noch viel mehr. Aber es ist schade um Ihre Zeit. Zeit für diese Ausstellung. Sehen Sie selbst. Und lesen Sie.

 

 

Schauspieler Andreas Schmidt spricht den Text von Ireneusz Grzyb für unsere Videoarbeit Familenpuzzle. Regie: Jean-Claude Kunert

Schauspieler Andreas Schmidt spricht den Text von Ireneusz Grzyb für unsere Videoarbeit Familenpuzzle. Regie: Jean-Claude Kunert

Eröffnung der Ausstellung im Biuro Wystaw | Warschau, 5. November 2016                                                                                                                                                      Foto: Adam Burakowski | Goethe Institut

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Veranstaltung im Goethe Institut Warschau, 8. November 2016                                                                                                                                                                                                           Foto: Goethe Institut

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