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VORWORT MEIN ISRAEL

Ich erinnere mich, wie ich als Kind, im Teheran der 70er Jahre, auf unserem Schwarzweiß Fernseher Moshe Dayan sah. Ich war beeindruckt von seiner Augenklappe und musste an Schlachten auf Seeräuberschiffen denken.

Später, nach der iranischen Revolution und unserer Übersiedlung nach Deutschland, zeigte unser neuer Farbfernseher die Bilder der Intifada: Jugendliche, die Steine schleuderten gegen Soldaten mit Maschinengewehren. Dann explodierende Busse, zerfetzte Körper, Drohungen von Politikern; 2005 schließlich Israels Rückzug aus Gaza.

In meiner Jugend hatte ich israelische Freunde, die nach dem Libanonkrieg von 1982 aus der Armee ausgeschieden waren und nun die Welt bereisten. Als Erwachsener begegnete ich jungen Israelis, die ihren Wehrdienst beendet hatten und eine Auszeit brauchten, um das Erlebte zu verarbeiten.

Israel hat mich immer begleitet, Diskussionen zum Thema Israel gehörten zu meinem Leben. Jeder hatte eine Meinung, auch ich. Gleichzeitig hatte ich immer das Gefühl, eigentlich viel zu wenig über dieses Land zu wissen.

Im April 2011 beschloss ich, nach Israel zu reisen, Portraits von Künstlern zu machen und diese in einer Ausstellung zu zeigen.

Am Flughafen Ben Gurion befragten mich sieben Beamte mehrere Stunden lang, was ich – Deutscher, Perser, Nichtjude – in Israel wolle. Schließlich ließ man mich einreisen. Und plötzlich fühlte ich mich merkwürdig zu Hause. Die Freundlichkeit und der Umgang der Menschen miteinander erinnerte mich an Iran. Ich war im Nahen Osten angekommen, in einem Land, dass sich von den umgebenden Ländern abgrenzte und dennoch von der Mentalität des Orients durchdrungen schien.

Am ersten Tag meiner Reise besuchte ich die Altstadt von Jerusalem. An der Klagemauer geriet ich in Feierlichkeiten von orthodoxen Juden zu Ehren eines reichen Amerikaners, der dem Rabbiner der Klagemauer eine neue Thorarolle übergeben hatte. Hunderte tanzten ausgelassen zu den Klängen eines Kinderchors, der von verzerrten, ohrenbetäubenden E-Pianoklängen begleitet wurde. Ich fotografierte das Fest und wurde bald von den Feiernden aufgefordert, mitzutanzen. Mit meiner Pappkippa auf dem Kopf sah ich wahrscheinlich aus wie ein Diasporajude auf Heimatbesuch. Nach einer Weile fragte mich der Assistent des Rabbiners, woher ich käme. Als ich ihm von meiner Herkunft erzählte und auf Nachfrage verneinen musste, Jude zu sein, war die Party für mich vorbei. Ich wurde aufgefordert, die Veranstaltung zu verlassen.

Dann ging ich zum Felsendom. Als ich meinen islamischen Namen nannte, wurde ich eingelassen. Ein freundlicher Mann zeigte mir jede Ecke des Doms, zu dem wiederum Juden keinen Zutritt haben.

Israelische Freunde, denen ich Abend von meinen Erlebnissen erzählte, bezeichneten mich – halb scherzhaft, halb im Ernst – als „Religionshure“. Für jemanden, der wie ich in einer Gesellschaft lebt, in der Religion im öffentlichen Raum so gut wie keine Rolle spielt, waren das ganz neue Erfahrungen.

Mir wurde bald klar, dass es nicht genügen würde, in Israel einfach nur Portraits zu machen. Dieses Land faszinierte mich, ich wollte einen anderen Zugang dazu finden. Ich hatte ein Aufnahmegerät dabei und begann, die Künstler zu interviewen. Um das Gespräch nicht gleich auf Politik zu lenken, bat ich sie, mir eine Kindheitserinnerung mit Bezug zu Israel beziehungsweise dem damaligen Palästina zu erzählen. Fast alle waren begeistert von der Idee, dass sich jemand für persönliche Geschichten interessiert und nicht zwingend über Politik sprechen wollte. Dennoch spannten die Erzähler den Bogen fast immer bis zur heutigen Zeit. Da alles in Israel mit Politik zu tun hat, sind auch Kindheitserinnerungen politisch.

Nach drei Wochen hatte ich achtzehn Interviews geführt und war von den Geschichten so gefangen, dass das fotografische Portrait in den Hintergrund trat. Es war etwas anderes, das ich im Bild festhalten wollte. Ich begann, Nachrichten, die Menschen in der Öffentlichkeit hinterlassen hatten, zu fotografieren: Wandzeitungen, Graffities, Parolen.

Zurück in Deutschland zeigte ich eine Auswahl der Geschichten und Bilder im Rahmen einer Ausstellung während des internationalen Literaturfestivals im Haus der Berliner Festspiele, was auf reges Interesse stieß. Ich beschloss, das Projekt weiter zu verfolgen. Auf fünf mehrwöchigen Reisen nach Israel sammelte ich fast achtzig Geschichten verschiedenster Künstler und machte zahllose Aufnahmen – insbesondere von Wänden und Mauern.

Mein Plan, ein ausgewogenes Bild Israels aufzuzeigen, ging allerdings nicht auf. Die israelische Gesellschaft ist weit vielfältiger, als wir sie durch die Medien wahrnehmen.

Viele Intellektuelle, insbesondere linke und moderate, stehen der israelischen Politik sehr kritisch gegenüber und sind für Gespräche offen. Ultranationalistische und ultraorthodoxe Juden sowie islamische Würdenträger waren meist gar nicht bereit, mit mir zu sprechen. Der Radiomoderator und Rechtsanwalt Yoram Sheftel zum Beispiel, der den ehemaligen KZ-Aufseher John Demjanjuk bei seinem Prozess 1986 in Israel verteidigte, beschimpfte mich am Telefon lauthals, was ich als Deutscher mir erlaube, ihn anzurufen.

Ich war froh, dass sich Israel Har´el bereit erklärte, mir seine Geschichte zu erzählen. Er zählt zu den Gründern der nationalistischen und messianischen Siedlerbewegung „Gush Emunim“. Außerdem veröffentlicht er seit vielen Jahren Kolumnen in der Tageszeitung „Ha´aretz“. Das macht ihn auch jenseits der rechten Kreise zu einer – wenn auch stark kritisierten – Stimme des öffentlichen Lebens.  Har´el lag daran, dass ich nicht nur linke Künstler interviewen, sondern auch die andere Seite Israels zeigen sollte.

Auch der kontrovers diskutierte Musiker Ariel Zilber wollte anfangs nicht mit mir sprechen. Erst als ich ihm sagte, dass ich den auch von Siedlern verehrten Rabbiner Adin Steinsaltz getroffen hatte, war er bereit, mir seine Geschichte zu erzählen. Linke und moderate Kräfte des Landes lehnen Ariel Zilber ab, weil er seit einigen Jahren extrem nationalistische Positionen einnimmt. Selbst die aktuelle Regierung unter Benjamin Netanjahu und Avigdor Lieberman findet er zu linksgerichtet. Als wir nach unserem Gespräch in einem schäbigen Café in einem Industriegebiet Tel Avivs auf die Straße traten, wurde er indes von jungen Bauarbeitern, die am Nachbargebäude beschäftigt waren erkannt und frenetisch bejubelt.

Chaim Gouri, einer der beliebtesten Lyriker des Landes und bei weitem kein Extremist, sagte höflich ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg, so erzählte er mir am Telefon, half er, ehemalige KZ-Häftlinge zu betreuen, und begleitete als Journalist den Eichmann-Prozess. Dies mache es ihm bis heute unmöglich, an einem deutschen Projekt teilzunehmen. Er wisse, das ich ein unschuldiger junger Mann sei, ich solle es ihm aber bitte nachsehen.

Einige arabische Israelis wiederum wollten sich nicht interviewen lassen, weil sie nicht zusammen mit Juden in einem Buch erscheinen wollten, auch aus der Angst heraus, dadurch in der arabischen Welt angefeindet zu werden. Wenn ich zwei Bücher herausbringen würde, eines mit Interviews von Juden, eines mit Interviews von Arabern – dann wären sie bereit, mit dabei zu sein.

 

Mein Israel? Wessen Israel ist also damit gemeint? Das Land ist voll der verschiedensten Biografien. Innerhalb der jüdischen Gesellschaft gibt es so viele verschiedene Strömungen: Juden aus dem europäischen und dem arabischen Raum, eriträische und persische Juden, moderat religiöse, messianische, orthodoxe und ultraorthodoxe. Es gibt säkulare Juden, Zionisten und absolute Antizionisten, die mit Holocaust-Leugnern gemeinsame Sache machen. Dazu gibt es die Siedler und wer die richtig schlimm findet, der kennt noch nicht die Hilltop Gangs. Dazwischen und darum herum gibt es natürlich noch Beduinen, Drusen und die mit 20 % Bevölkerungsanteil nicht ganz kleine Gruppe der von den Juden „arabische Israelis“ genannten moslemische und christliche Araber, die sich selbst aber als „palästinensische Israelis“ bezeichnen. Und obwohl das Land so klein ist, ist es den einzelnen Gruppen möglich, ein Leben zu führen, ohne mit Mitgliedern der jeweils anderen Gruppierungen in Berührung zu kommen. Das war eine Erkenntnis, die mich mit am meisten irritierte.

Ein bisschen fühle ich mich wie in dem Witz, den mir der Rabbiner Adin Steinsaltz erzählte: Ein Journalist kommt nach Israel und wird gefragt, was er tue. Er schreibe an einem Buch, antwortet dieser. Seit wann er denn im Land sei? „Seit gestern.“ Und wann er denn wieder abreise? „Morgen“. Und wie das Buch heißen soll? „Israel gestern, heute und morgen“. Das, was ich in den drei Jahren, in denen ich regelmäßig in Israel war, gehört und erfahren habe, kann nur ein winziger Einblick in die Komplexität dieses Landes sein, dass sich in stetigem Wandel befindet. Es bleibt interessant, in welche Richtung es sich entwickeln wird.

 

 

 

 

 

Der Schritt ins Offene

Ali Ghandtschi unterwegs in Israel

Stefan Iglhaut

 

Der Fotograf Ali Ghandtschi portraitiert Künstler aus der ganzen Welt, Filmschaffende, Literaten, Musiker. Hunderte, Tausende Bilder von Menschen, von Individuen sind seit gut 20 Jahren entstanden. Zu den wenigen Aufnahmen, die er auf seiner eigenen Website präsentiert, gehören Portraits von Salman Rushdie, die Hand in der Hosentasche, und Liao Yiwu mit geschlossenen Augen. Chuck Palahniuk hat die Schuhe ausgezogen, die noch vor ihm stehen, der Musiker Robin Daddy Hemingway posiert mit Zigarettenstummel im Mundwinkel. Jahrelang hat Ghandtschi die Welt in der Kontur von Individuen dargestellt, als Auftragsfotograf, als Portraitist auf den großen Festivals in Berlin. Wer ihn einmal in Aktion erlebt hat, der weiß, dass diese Fotografien Ergebnisse von ungeheurer kommunikativen Begegnungen sind, Ghandtschi ist immer im Gespräch mit den Menschen, die er fotografiert.

2011 fährt Ghandtschi nach Israel und entwickelt ein völlig neues Projekt, das er vier Jahre lang in Eigeninitiative betreibt: Als wäre die Kamera eine letzte zu überwindende Distanz zwischen ihm und seinen Gesprächspartnern, bringt er insgesamt 80 Personen des intellektuellen Lebens zum Sprechen – und packt die Kamera gar nicht aus. Er nähert sich seinen Protagonisten, wie er sie nennt, indem er ihnen zuhört und ein Aufnahmegerät mitlaufen lässt. Kein Standpunkt ist tabu, kein biografischer Weg zu abgelegen. Die Kamera hingegen richtet er auf Dinge, die Menschen im öffentlichen Raum hinterlassen haben, auf Häuser, Wände, Mauern. Hier entdeckt er Chiffren eines anonymen Kommunikationsprozesses, Wandzeitungen, Graffities, Parolen, deren Inhalte er bildlich in Beziehung setzt zu dem, was ihm die Protagonisten des intellektuellen Lebens im Gespräch vermitteln. So verlässt er das Medium der Portraitfotografie und erarbeitet sich einen ganz eigenen Zugang zur vielschichtigen Wirklichkeit Israels. Auf vielen mehrwöchigen Reisen nach Israel setzt er diese Studie fort, sowohl seine Gespräche als auch seine Bilder von Wandzeichen nehmen einen seriellen Charakter an und wachsen sich zu einem künstlerischen Großprojekt aus. Ghandtschi geht Spuren nach, sprachlichen und bildlichen, und verknüpft Bildaussagen mit Gesprächsinhalten. Er erweitert den fotografischen Bildraum durch den Kosmos der biografischen Erzählung und bindet beide aneinander. Das Gespräch mit seinen Protagonisten ist kein Beiwerk, keine Vorbedingung mehr für eine Portraitfotografie, sondern wird zum eigenständigen Medium, das die Portraitfotografie schließlich ersetzt.

Mit seinen neuen Text-Bild-Arrangements begibt sich Ghandtschi auch hier in einen offenen Deutungsraum, in einen Kontext der zufälligen Bezüge und der Rätsel über Zusammenhänge. Ghandtschi addiert Bilder und Diskurse nicht einfach zueinander, sondern lässt sie spannungsreich, auch widersprüchlich in Beziehung treten. Diese Methode erlaubt es ihm, ein Tableau von Aussagen über das Leben in Israel zu erstellen, das nicht so sehr seinen eigenen Blick, sondern den Blick der Bewohner des Landes ins Zentrum rückt. Das ist ein bemerkenswerter Kunstgriff. Es ist der Schritt eines Fotografen in ein Ausdrucksmedium, das über fotografische Bilder weit hinausreicht.

Einladung zum Israel Projekt 2011

Einladung zum Israel Projekt 2011

Ausstellung im Haus der Berliner Festspiele

Ausstellung im Haus der Berliner Festspiele

Ausstellung und Panels

Im Rahmen des 15. internationalen Literaturfestivals Berlin wurde die Ausstellung zum Buch präsentiert.

Dank der Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung konnte ich einige Protagonisten meines Buches nach Berlin einladen, um vor Publikum zu diskutieren und die im Buch gewonnenen Erkenntnisse zu intensivieren. Die moderat orthodoxe Schriftstellerin Sarah Blau und der säkulare Professor für Psychologie, Carlo Strenger beschäftigten sich mit dem Einfluss der Religion auf den Staat Israel. Der Autor Ala Hlehel sprach über den Konflikt palästinensischer Israelis mit der hebräischen Sprache.

Sarah Blau und Carlo Strenger Moderation: Carsten Hueck Simultanübersetzung: Lilian Astrid Geese                                                                                                             Foto: Erik Weiss

Sarah Blau und Carlo Strenger Moderation: Carsten Hueck Simultanübersetzung: Lilian Astrid Geese                                                                                                             Foto: Erik Weiss

Ala Hlehel                                                                                                                                                                                                                                                                                                          Foto: Erik Weiss

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